title: "Counter-Speech mit Humor: Was wirkt — und was nicht" description: "Ironie, Satire, Memes gegen Hass im Netz: Was die Forschung zu Humor als Counter-Speech sagt — und wann Fakten plötzlich achtmal stärker wirken." publishedAt: "2026-05-08" author: "Sebastian Zollner" tags:
- "Counter-Speech"
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- "Online-Diskurs" category: "Forschung" readingTime: 13 heroImage: "/blog/counter-speech-humor/hero.jpg" heroImageAlt: "Bunter Schriftzug 'Welle der Liebe' auf dunklem Hintergrund, daneben kleine Illustration eines Smartphones mit Kommentarspalte — symbolisiert humorvolle Counter-Speech im digitalen Raum." slug: "counter-speech-mit-humor" canonical: "https://hasskompass.de/blog/counter-speech-mit-humor"
Kurzfassung: Humor gilt seit Benesch et al. (2016) als empfohlene Counter-Speech-Strategie — er deeskaliert, lenkt Aufmerksamkeit, entzieht hetzender Rede ihre Wucht. Aber: Humor wirkt nicht universell, und seit Costello et al. (2024) wissen wir, dass personalisiertes Fact-Checking unter den richtigen Bedingungen achtmal stärker wirken kann als der bisherige Durchschnitt klassischer Faktenkorrekturen. Dieser Beitrag ordnet die Forschung — und zeigt, wann ein Witz hilft und wann er die Hetze ungewollt veredelt.
Kurz vorab: Wer schreibt hier — und warum mit Augenzwinkern?#
Ich bin Sprachwissenschaftler, habe in Greifswald zu Counter-Speech in Social Media promoviert und unterrichte Multiplikator:innen aus Schulen, Kommunen, Polizei und Zivilgesellschaft. 2024 habe ich bei Routledge einen Beitrag zu linguistischen Verfahren der Gegenrede veröffentlicht, im Mai 2026 erscheint mein Buch zu Counter-Speech in Social Media. Ich erwähne das nicht, um zu beeindrucken, sondern weil das hier ein Forschungstext ist und Sie wissen sollen, woher die Belege kommen.
Und ja: Ein Text über Humor in der Gegenrede, der sich vollkommen ernst nimmt, würde sein eigenes Thema ad absurdum führen. Ich bemühe mich also um den Mittelweg zwischen wissenschaftlicher Sauberkeit und einem trocken-ironischen Ton — wer nur die Studien will, springt direkt zu den Forschungsabschnitten.
Was Humor in der Counter-Speech leistet (und was nicht)#
Counter-Speech bezeichnet jede direkte Antwort auf hetzende oder gefährliche Rede, die deren Wirkung schwächen, eine Gegen-Norm setzen oder das mitlesende Publikum erreichen will (Benesch et al., 2016, S. 2). Die zentrale Erkenntnis von Benesch und ihrem Team aus Berkman-Klein und Dangerous Speech Project: Counter-Speech ist nicht primär an die Hetzer:innen gerichtet. Sie wirkt — wenn sie wirkt — auf das schweigende Mitlese-Publikum, das cyberbystander, das beim nächsten Mal ein Like vergibt, einen eigenen Kommentar setzt oder doch schweigt.
Humor ist in dieser Logik eine besondere Strategie. Benesch et al. (2016, S. 5) beschreiben drei Funktionen:
- Neutralisierung: Hetzende Rede, die als bedrohlich oder mächtig wahrgenommen wird, verliert ihre symbolische Wucht, sobald sie lächerlich wirkt. Klassisches Beispiel: das Gummienten-Meme im November 2015. Internet-Nutzer:innen ersetzten in ISIS-Propagandabildern die Köpfe der Kämpfer durch Gummienten-Köpfe. Aus einer Inszenierung von Macht wurde — visuell — eine Inszenierung von Komik.
- Aufmerksamkeitslenkung: Humorvolle Inhalte verbreiten sich viraler als sachliche. Ein Counter-Tweet mit Pointe schafft die Reichweite, die ein nüchterner Faktenkommentar nie erreicht.
- Tonabmilderung: Eine Botschaft, die als blanke Anklage hart oder belehrend wirken würde, lässt sich humorvoll verpackt leichter senden — und leichter empfangen.
So weit die Theorie. Die Praxis ist komplizierter, und genau hier wird es interessant.

Vier Humor-Typen — vier Wirkungsprofile#
Counter-Speech-Forschung behandelt »Humor« lange Zeit als Sammelkategorie. Erst die jüngere Literatur differenziert. Vier Typen sind für die Praxis besonders relevant:
Ironie und Satire
Klassische Ironie sagt das Gegenteil dessen, was sie meint, und vertraut darauf, dass das Publikum den Wechsel mitvollzieht. Satire treibt es weiter — sie übertreibt, bis das Absurde der Hetze sichtbar wird. Das Neo Magazin Royale mit Jan Böhmermann oder die Heute-Show arbeiten überwiegend so: Ein politisches Statement wird so überaffirmiert vorgetragen, dass die Pointe in der Übertreibung selbst liegt.
Wirkungsprofil: Stark, wenn die ironische Markierung erkennbar bleibt. Schwach, sobald die Ironie als Zustimmung gelesen werden kann — Online ohne Stimme und Mimik passiert das öfter, als wir denken. Die Sarkasmus-Studie aus dem DTCT-Projekt zeigt: Stille Mitleser:innen empfinden Sarkasmus laut Vorforschung »eher negativ als witzig« (Smedt et al., 2021, S. 14).
Karikatur und visueller Humor
Karikatur reduziert ein Phänomen auf ein erkennbares, übertriebenes Bild. Im Counter-Speech-Kontext arbeitet sie meist als Meme: AfD-Hashtag wird gekapert, Tier-Meme antwortet auf Hetz-Tweet, Photoshop verwandelt Propaganda in Komik (eben jene Gummienten). Die niederländische YouthCAN-Kampagne (Saltman & Zamir, 2024, S. 193) drehte 2016 ein Video, in dem sich ein junger Mann nach dem Verzehr von Halal-Hühnchen »in einen Muslim verwandelt« — die islamfeindliche Behauptung wurde durch Buchstäblich-Nehmung entlarvt.
Wirkungsprofil: Hohe Reichweite, niedrige Interpretationskosten. Aber: Saltman und Zamir betonen, dass Kürze entscheidend ist. Die erste, vier Minuten lange Version ihres Videos verfehlte ihr Publikum, die zweite, kürzere Version mit früher Pointe erreichte mit 225 USD Werbebudget 38.000 Views.
Absurdes Spiegeln und bedauernde Übertreibung
Hier schlägt Counter-Speech den Hass mit seinen eigenen Mitteln, ohne ihn zu verstärken. Klassisch: das Zentrum für politische Schönheit, das auf rechtsextreme Provokationen mit eigenen, überzogenen Inszenierungen reagiert. Oder die Volksbewegung gegen Terrorismus und Socken in Finnland — Ylönen (2024, S. 67–68) analysiert, wie diese Initiative rechtsextreme Sprache parodistisch imitiert (»GROSSBUCHSTABEN«, absichtliche Fehler) und so das Sprechmuster selbst zur Pointe macht.
In Deutschland vergleichbar: HoGeSatzbau. Hier korrigiert eine anonyme Initiative seit Jahren die Rechtschreibung in rechtsextremen Posts. Gattungswechsel als Counter-Speech-Verfahren: »Wir sind der Meinung, dass Satire und Humor gute Möglichkeiten (von vielen) sind, dem Thema (Alltags-)Rassismus zu begegnen, da sie Mut machen und Angst nehmen« (HoGeSatzbau, zitiert nach Ylönen, 2023, S. 304).
Wirkungsprofil: Sehr stark, wenn das spiegelnde Verfahren konsistent durchgehalten wird (HoGeSatzbau hat über 180.000 Follower). Riskant, wenn die Spiegelung zu nah am Original bleibt und unbeteiligte Mitleser:innen den Counter-Charakter nicht erkennen.
Wortspiele, Witze, Unsinn
Die niedrigschwelligste Form: »Are you kitten me?« als Antwort auf einen Hass-Post, kombiniert mit einem Katzenbild. De Smedt und Kollegen (2020, S. 5) beschreiben für ein EU-Aktivistenprojekt einen Inkongruenz-Generator, der automatisiert Antworten produzierte wie »This post is as exciting as a hot air balloon at an aerobatics show« — der Hass-Post wird mit einem völlig unpassenden, harmlosen Vergleich verkoppelt.
Wirkungsprofil: Niedrige Eskalationsgefahr, niedrige Eingriffstiefe. Funktioniert als Türöffner, ersetzt aber keine inhaltliche Auseinandersetzung. Auf Plattformen mit hoher Geschwindigkeit (TikTok, X) tragen solche Wortspiele weiter als ausgearbeitete Argumentationsketten.

Die Fact-Checking-Wende: Was Costello et al. 2024 wirklich verändert haben#
An dieser Stelle wird es spannend. Wer Counter-Speech-Workshops gibt — und ich gebe seit Jahren welche — hat lange das gleiche Skript wiedergegeben: »Humor wirkt, Empathie wirkt, Fakten wirken nicht.« Letzteres geht auf Benesch et al. (2016, S. 7) zurück. Sie schreiben:
Especially when original speakers are entrenched in their views, they tend to find a way to fit the new facts presented to the conclusion to which they are already committed.
Das Phänomen heißt motivated reasoning: Wer eine Meinung bereits fest vertritt, interpretiert neue Fakten so, dass die alte Überzeugung bestehen bleibt. Daraus folgt im Lehrbuch: Humor und Empathie ja, Fakten lieber nicht — zumindest nicht im klassischen Schema »Hier sind die richtigen Zahlen, du irrst«.
Costello, Pennycook und Rand (2024) haben dieses Bild gerade gründlich umgebaut. Ihre Studie, in Science erschienen, ist methodisch sauber, pre-registriert und liefert Effektstärken, die in der gesamten bisherigen Counter-Speech-Forschung ihresgleichen suchen.
Was die drei genau gemacht haben
In drei Experimenten mit insgesamt 2.190 Teilnehmenden, die sich selbst als Verschwörungsgläubige identifizierten, lief folgender Ablauf:
- Die Teilnehmer:innen beschrieben ihre Überzeugung — etwa zu 9/11, JFK-Attentat, COVID-19 oder dem »Illuminati-Mythos« — in eigenen Worten, mitsamt der Belege, die sie als überzeugend empfanden.
- GPT-4 Turbo (also ein gegenwärtig verfügbares Sprachmodell) antwortete in drei Dialogrunden personalisiert auf genau diese Belege — nicht generisch gegen die These, sondern spezifisch gegen die individuelle Argumentation.
- Der Glauben wurde vorher und nachher gemessen, dann nochmals nach 10 Tagen und nach zwei Monaten.
Die Effektstärken
In Studie 1: 21,4 % Reduktion des Verschwörungsglaubens, d = 1,15. In Studie 2: 19,4 % Reduktion, d = 0,79. Persistenz über zwei Monate ohne nennenswerten Verfall (Costello et al., 2024, S. 5–6).
Zum Einordnen: Stasielowicz' (2024) Meta-Analyse über 273 generische Fact-Checking-Studien kommt auf einen Durchschnittseffekt von g = 0,16. Costellos personalisiertes Fact-Checking ist also rund achtmal stärker als der Durchschnittseffekt klassischer Faktenkorrektur.
Was das ändert — und was nicht
Costello et al. widerlegen nicht, dass generisches Fact-Checking oft scheitert. Sie zeigen vielmehr, unter welchen Bedingungen Fakten doch wirken. Die NLP-Klassifikation der KI-Antworten (ebd., S. 30) ergab: Die wirksame Strategie war nicht ein einzelner Fakten-Schlag, sondern eine Kombination aus alternativen Erklärungen (83 % extensiv genutzt), kritischem Fragen (99 %), Aufzeigen logischer Inkonsistenzen, Suchen nach gemeinsamem Boden — und konsequent face-saving Ton (kein Spott, keine Stigmatisierung).
Ein professioneller Fact-Checker bewertete 128 KI-Antworten extern: 99,2 % zutreffend, 0 % falsch, keine erkennbare ideologische Schlagseite (ebd., S. 11).
Praktisch bedeutet das auch: Der erste Counter-Reflex sollte nicht zwischen Humor und Fakten wählen, sondern beide kombinieren. Eine humorvolle Volte fängt die Aufmerksamkeit; ein verlinktes, gut aufbereitetes Faktenblatt liefert die Substanz für das Mitlese-Publikum.
Was wirkt, was lenkt ab, was backfired — sieben empirische Befunde#
Die Forschungslage zu Humor-Counter-Speech ist heterogen. Wer ehrlich ist, gibt das zu. Hier die sieben Befunde, die ich für Workshops als belastbar einstufe:
1. Humor wirkt am stärksten auf das mitlesende Publikum. Mathew et al. (2019) belegen für die LGBT-Community auf YouTube: Humorvolle Counter-Kommentare erhalten die höchsten durchschnittlichen Likes aller Counter-Speech-Typen, und 65,35 % der direkten Antworten sind zustimmend (S. 373, 376). In anderen Communities (Antisemitismus, Rassismus gegen Schwarze) ist Humor weniger dominant.
2. Auf überzeugte Hetzer:innen direkt wirkt Humor kaum messbar. Im randomisierten Twitter-Experiment von Hangartner et al. (2021, S. 2) verwarf der F-Test über sechs Outcomes die Null-Hypothese nicht (P = 0,285). Tier-Memes mit Captions wie »Please, sir. Stop tweeting.« reduzierten xenophobische Tweets nicht signifikant.
3. Sarkasmus polarisiert das Publikum. Smedt et al. (2021, S. 14) im DTCT-Projekt: Konfrontierende Sarkasmus-Counter-Speech ist bei Counter-Aktiven beliebt, bei stillen Mitleser:innen aber wenig wirksam — sie nehmen Sarkasmus laut Vorforschung »eher negativ als witzig« wahr.
4. Selbst-Ironie funktioniert besser als Verspottung. Ebner (o. J., S. 179) berichtet aus der Praxis des Institute for Strategic Dialogue: Sarkasmus, der die Zielgruppe abwertet, scheitert. Selbst-Ironie kann hingegen ein »formidable icebreaker« sein. Wer als Counterspeaker:in zuerst sich selbst ironisiert, gewinnt das Recht auf den Witz.
5. Humor scheitert ohne soziale Autorität. De Salvador Agra (2025, S. 122) bezeichnet das als »comedic hermeneutical injustice«: Humor-Counter-Speech kann scheitern, wenn die Sprecher:in als nicht autorisiert für den Witz gilt — etwa, wenn weiße Menschen sich über rassistische Hetze lustig machen, ohne die Pointe an betroffene Stimmen abzugeben.
6. Kollektive humorvolle Initiativen ziehen mehr Follower:innen als nicht-humorvolle. Ylönen (2023, S. 304–306) zeigt das im Vergleich von HoGeSatzbau (Deutschland, 183.412 Follower:innen damals) und der finnischen Volksbewegung gegen Terrorismus und Socken (9.533 Mitglieder). Humor wirkt hier als Ventil für aufgestaute Empörung — emotional entlastend, gleichzeitig medial wirksam.
7. Humor in Moderationskontexten reduziert Inzivilität messbar. Ziegele et al. (2018, S. 541, 544) finden im deutschen Facebook-Kommentarbereich, dass gesellige Moderation (Humor, Smalltalk, informelle Freundlichkeit) die Inzivilität in Folgekommentaren signifikant reduziert (B = −0,39; p < 0,01). Das ist der bislang einzige stabile Wirkungsnachweis für Humor-Counter-Speech in einem institutionellen Kontext.

Risiken: Wann Humor der Hetze hilft#
Witz ist nie neutral. Drei Risiken sehe ich in der Praxis am häufigsten:
Risiko 1 — Der versteht keinen Spaß als Defense-Mechanism. Sobald jemand auf einen Counter-Witz mit »Ihr versteht keinen Spaß« reagiert, ist die Diskussionsebene verschoben: Es geht nicht mehr um die Hetze, sondern um die Empfindlichkeit der Counterspeaker:innen. Diese Verschiebung ist eine bekannte rechtsextreme Diskursfigur — der Witz wird zur Falle, in der die ursprüngliche Aussage geschützt steht.
Gegenstrategie: Den Witz so platzieren, dass er nicht primär die Person, sondern die Aussage trifft. Wer das Argument lächerlich macht, lässt der Person das Gesicht. Wer die Person lächerlich macht, liefert Munition für »Cancel Culture«-Narrative.
Risiko 2 — Verharmlosung. Ein guter Witz lebt von der Reduktion. Das ist genau dann gefährlich, wenn die Hetze keine bloße Übertreibung ist, sondern reale Drohung. Bei akuter Bedrohung — Doxxing, Vergewaltigungsphantasien, Morddrohungen — wirkt Humor wie ein freundliches Schulterklopfen für die Täter. Hier ist klare Benennung, gegebenenfalls Anzeige (siehe das NetzDG und seine Nachfolge im DSA), das angemessene Mittel.
Risiko 3 — Ungewollte Validierung. Wenn der Counter-Witz die Hetz-Logik zu eng spiegelt, kann das hetzende Lager sich bestätigt fühlen — »die kennen unsere Witze«, »wir sind im Diskurs angekommen«. Mainstream-Mediale-Satire ist hier besonders riskant: Wenn eine Heute-Show-Pointe in AfD-Telegram-Kanälen unverändert geteilt wird, ohne dass der Counter-Charakter erkennbar bleibt, ist die Distinktion verloren.
Faustregel aus der Praxis: Vor jedem öffentlichen Counter-Witz drei Fragen — Wem nützt der Witz, wenn er aus dem Kontext gerissen wird? Steht die Pointe ohne Vorwissen? Verteidigt der Witz die richtige Linie oder verschiebt er sie?
Fünf praktische Tipps für Multiplikator:innen#
Aus Workshops mit Schulen, Kommunen und Kirchengemeinden destillieren sich fünf Empfehlungen, die forschungsgestützt und alltagstauglich sind:
Tipp 1: Schreiben Sie für das Mitlese-Publikum, nicht für den Hetzer
Die Hetzer:in wird nicht überzeugt — Benesch et al. (2016) und Hangartner et al. (2021) sind hier eindeutig. Aber jeder Counter-Witz ist auch eine Botschaft an die Stillen, die zuschauen und sich entscheiden, ob sie heute schweigen oder sich anschließen. Wer das im Kopf behält, schreibt automatisch verständlicher, kürzer, freundlicher.
Tipp 2: Kürze schlägt Eleganz
Saltman und Zamir (2024, S. 193) bringen es auf den Punkt: »The shorter and more direct counterspeech is, the higher likelihood for audience retention.« Im deutschen Kontext heißt das: Lieber ein einzeiliges Wortspiel mit Bild, als ein vierfacher Twitter-Thread mit der besseren Pointe ganz am Ende.
Tipp 3: Selbst-Ironie öffnet Türen
Bevor Sie über die andere Seite witzeln, witzeln Sie über sich selbst. »Ich weiß, ich poste hier wie ein Lehrer in der Pause, aber:« — und dann der Inhalt. Ebner (o. J., S. 179) belegt, dass Selbst-Ironie als Eisbrecher wirkt, ohne die andere Seite herabzusetzen.
Tipp 4: Humor in Online-Threads, Fakten in Workshops
Das ist die zentrale Lehre aus dem Kontrast Benesch / Costello. Im Kommentarbereich, wo die Aufmerksamkeitsspanne unter zehn Sekunden liegt, ist Humor das Mittel der Wahl — Aufmerksamkeit, Tonabmilderung, Reichweite. Im Workshop, im moderierten Gespräch, in der Beratung, wo Sie Zeit für drei Dialogrunden haben — da entfaltet personalisiertes Fact-Checking seine achtfache Wirkung. Wer beides verwechselt, verliert beides.
Tipp 5: Niemals allein, niemals wütend
Die Forschungsliteratur zur kollektiven Counter-Speech (Garland et al., 2020/2022; Buerger, 2021) ist unzweideutig: Die einzelne humorvolle Antwort verpufft. Die zwanzigste, koordinierte, freundliche Antwort verschiebt die Diskursnorm. Initiativen wie #ichbinhier in Deutschland oder #jagärhär in Schweden organisieren genau das. Und wer wütend ist, sollte nicht witzeln — Wut-Witz wird im Internet als Aggression gelesen. Lieber Pause machen, Tee trinken, später posten.

Wann Humor in Workshops, wann in Threads, wann eher meiden#
Eine kompakte Entscheidungshilfe für die wichtigsten Settings:
| Setting | Humor empfohlen? | Begründung | | --- | --- | --- | | Öffentlicher Online-Thread, viele Mitleser:innen | Ja, knapp und freundlich | Aufmerksamkeit, Reichweite, Mitlese-Publikum (Mathew et al., 2019) | | Direktnachricht an überzeugte Hetzer:in | Eher nein | Kein messbarer Effekt (Hangartner et al., 2021), Eskalationsrisiko | | Workshop, mehrere Stunden, kleine Gruppe | Sparsam, eher Empathie und personalisiertes Fact-Checking | Zeit für Costello-Modus (Costello et al., 2024) | | Schulpause, akute Hassrede | Erst Schutz, dann Klarheit, dann Witz | Verharmlosungsrisiko, betroffene Person priorisieren | | Akute Bedrohung, Drohung, Doxxing | Nein | Verharmlosung, ggf. Anzeige nach DSA / NetzDG | | Kollektive Counter-Speech-Aktion | Ja, aber koordiniert | Garland et al. (2020/2022) — kollektive Wirkung |
Was die deutschsprachige Polit-Comedy uns lehrt#
Ein kurzer Blick auf den deutschen Diskurs, weil die Frage in jedem Workshop kommt: Was machen Heute-Show, ZDF Magazin Royale, das Zentrum für politische Schönheit eigentlich aus Counter-Speech-Sicht richtig?
Drei Dinge:
- Sie sind kollektiv und institutionell. Die Heute-Show ist nicht eine einzelne Person, die in einer Kommentarspalte witzelt — sie ist ein Redaktionsteam mit Sendeplatz. Das verleiht ihr genau jene soziale Autorität, die de Salvador Agra (2025) als Voraussetzung für gelingenden Humor beschreibt.
- Sie kombinieren Humor mit Fakten. Böhmermann zerlegt eine Behauptung selten nur durch Pointe, sondern unterlegt sie mit Recherche, die der Pointe Substanz gibt. Das ist genau die Mischung, die Costello et al. (2024) als wirksam identifizieren: kritisches Fragen plus alternative Erklärungen plus gemeinsamer Boden — verpackt in einem Format, das Aufmerksamkeit hält.
- Sie wissen, wann sie nicht witzeln. Nach den Anschlägen von Halle und Hanau gab es in beiden Sendungen explizit keine Pointen, sondern Schweigeminuten. Wer das Repertoire beherrscht, weiß auch, wann er es zurückhält.
Das ZPS ist ein Sonderfall: Dessen bedauernde Übertreibung funktioniert nicht im Schnellfeuer-Modus, sondern als monatelang vorbereitete Inszenierung. Für die meisten Multiplikator:innen ist das nicht das Modell — aber das Prinzip der absurden Spiegelung, kleiner gedacht, schon.
Wenn Sie tiefer einsteigen wollen#
Counter-Speech-Strategien sind ein laufendes Forschungsfeld, und Humor ist nur eine von vielen — siehe etwa unseren Beitrag zur Schweigespirale und kollektiven Gegenrede oder die Analyse zu Dog Whistles und kodierter Hassrede.
Für die praktische Anwendung im Training haben wir ein eigenes KI-Tool entwickelt: ParoKI ist ein Übungs-Sparring für Counter-Speech, das mit verschiedenen Humor- und Fakten-Strategien arbeitet. Sie üben mit einer KI-Hetzer:in, bekommen sofort Feedback, und können verschiedene Strategien gefahrlos durchprobieren — bevor Sie sie auf X oder im Klassenzimmer einsetzen.
FAQ — Häufige Fragen#
Häufige Fragen
Literatur#
Benesch, S., Ruths, D., Dillon, K. P., Saleem, H. M., & Wright, L. (2016). Considerations for successful counterspeech. Dangerous Speech Project / Kanishka Project, Public Safety Canada.
Buerger, C. (2021). #iamhere: Collective counterspeech and the quest to improve online discourse. Social Media + Society, 7(4). https://doi.org/10.1177/20563051211063843
Costello, T. H., Pennycook, G., & Rand, D. G. (2024). Durably reducing conspiracy beliefs through dialogues with AI. Science, 385(6714), eadq1814. https://doi.org/10.1126/science.adq1814
De Salvador Agra, S. (2025). Counterspeech humor and felicity conditions. Journal of Pragmatics, 116–131.
de Smedt, T., Lemmens, B., & Cooke, S. (2020). Online hate speech and incongruence-based counter speech: Practical insights from a multi-country EU project. DTCT Research Report.
Ebermann, D. (2021). Reconquista Internet: Linguistische Analyse einer Counter-Speech-Bewegung [Universitätsschrift].
Ebner, J. (o. J.). Counter-narratives against violent extremism. Institute for Strategic Dialogue.
Garland, J., Ghazi-Zahedi, K., Young, J.-G., Hébert-Dufresne, L., & Galesic, M. (2022). Impact and dynamics of hate and counter speech online. EPJ Data Science, 11(1). https://doi.org/10.1140/epjds/s13688-021-00314-6
Hangartner, D., Gennaro, G., Alasiri, S., Bahrich, N., Bornhoft, A., Boucher, J., Demirci, B. B., Derksen, L., Hall, A., Jochum, M., Munoz, M. M., Richter, M., Vogel, F., Wittwer, S., Wüthrich, F., Gilardi, F., & Donnay, K. (2021). Empathy-based counterspeech can reduce racist hate speech in a social media field experiment. Proceedings of the National Academy of Sciences, 118(50). https://doi.org/10.1073/pnas.2116310118
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Mathew, B., Saha, P., Tharad, H., Rajgaria, S., Singhania, P., Maity, S. K., Goyal, P., & Mukherjee, A. (2019). Thou shalt not hate: Countering online hate speech. Proceedings of the International AAAI Conference on Web and Social Media, 13, 369–380.
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Ylönen, S. (2023). Humorvolle Gegenredeinitiativen in Deutschland und Finnland. Journal of Counter-Speech Studies, 301–308.
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Ziegele, M., Jost, P., Bormann, M., & Heinbach, D. (2018). Stopping the spiral of silence in social media: How interactive moderation affects user comments. Studies in Communication and Media, 7(4), 525–554.
Zollner, S. (2024). Counter-speech as linguistic practice. In The Routledge Handbook of Counter-Speech [Chapter].
Letzte inhaltliche Aktualisierung: 8. Mai 2026. Korrekturhinweise und Anregungen gerne an bastian.zollner@googlemail.com.
